Kooperieren – nicht nur in der C-Krise

Theodor Dierk Petzold

Auch wenn Krisen schon länger in verstärktem Maße im Gespräch sind: Finanzkrise, Umwelt-Klimakrise, Sinnkrise u.a., ist durch die Corona-Krise jetzt der Krisenmodus hautnah und weltweit spürbar. Das Positive an Krisen scheint immer wieder zu sein, dass Menschen dann näher zusammenrücken, stärker zusammenarbeiten und sich gegenseitig mehr helfen als sonst. In der Not wird unser neuropsychisches Abwendungssystem, das mit Angst verknüpft ist, angeschaltet, um kurzfristig alle Kräfte zum Abwenden der Gefahr zu mobilisieren, auch den für sozialen Zusammenhalt. Wenn wir aber im Abwendungsmodus bleiben und die Gefahr nicht wirklich spüren, verselbständigt sich die neuropsychische Abwendungsaktivität und sucht eine dazu passende Bedrohung. Diese wird dann leicht in anderen Menschen, Meinungen, Institutionen oder Regierungen gesehen. Das führt häufig zu Macht- und Rechthabe-Kämpfen untereinander, wie aktuell schon sichtbar wird.

Meine These ist nun, dass es zur Lösung sowohl der Corona-Krise als auch der anstehenden anderen großen Krisen eine bewusste Art und Weise der Kooperation braucht, die vor allem durch attraktive Ziele für die Zeit nach der Krise motiviert ist und nicht primär durch das Abwenden einer Gefahr. Dies möchte ich hier an Hand unseres Verhaltens und unserer Möglichkeiten in der Corona-Krise skizzieren.

Kooperieren mit einer gemeinsamen Intentionalität

Recht schnell nach den Bildern von Überforderung norditalienischer Krankenhäuser haben sich die meisten BürgerInnen anders als gewohnt verhalten: haben mehr Abstand gehalten, sind weniger gereist u.a.m. Dieses Verhalten hat sich gleich in einer Umkehr  der Ansteckungsrate R gezeigt[1]. Und das noch bevor die ersten Verbote eine Wirkung zeigen konnten. Die BürgerInnen haben als großes nationales Kollektiv kooperiert – manche aus Angst, andere aus Einsicht.

Etwa zwei bis vier Wochen nach der ersten Maßnahme begann die anfängliche große Zustimmung zu den verordneten Maßnahmen langsam zu bröckeln. Die Kooperationsbereitschaft vieler Bürger mit der Regierung ließ langsam nach, und es bildeten sich zunehmend unterschiedliche Gruppierungen mit unterschiedlichen Intentionen. Den meisten, die ich mitbekomme, geht es um Rechthaben und Angst vor Verlusten – sie sind weiterhin im angstgeriebenen Abwendungsmodus.

Daneben gibt es viele Ansätze, die versuchen, positive attraktive Ziele zu formulieren, die über Corona hinausgehen, wie Visionen von sozialen Beziehungen, von Lebensgemeinschaften, neuer Architektur, mehr digitaler Homework u.a.m. Wie können wir in eine umfassendere Kooperation zum guten Leben kommen und Synergien fördern und nutzen? Uns zum Positiven vernetzen?
Einen hierfür hilfreichen Schritt sehe ich in der Reflexion eines menschlichen Interaktionsmusters, das häufig mit Retten-wollen beginnt, mit Rechthaben-wollen weitergeht und letztlich mit unmenschlichen Handlungen neue Opfer produziert.

Das Macht-Opfer-Dreieck[2]

Wenn Angst die führende Motivation ist und die verantwortlichen Persönlichkeiten aus dem Abwendungsmodus heraus denken und agieren und nur auf die eine Gefahr eingeengt schauen, produzieren sie im „Krieg gegen Viren“ Kollateralschäden: neue Opfer. Wie groß diese beim Kampf gegen Corona sind, wird langsam sichtbar: hier bei uns die sozialen und psychischen Schäden bei Kindern und Alten und die wirtschaftlichen Existenzverluste sowie eine verstärkte Hungersnot besonders in Entwicklungsländern wie in Afrika. Für diese neuen Opfer des Kampfes gegen die Coronaviren ernten die verantwortlichen Führungspersonen Vorwürfe. So fühlen diese sich als Opfer und wollen sich rechtfertigen: Sie wollten ja nur helfen.

Dieses Macht-Opfer-Dreieck bringt als Schattenmuster der guten Absicht „Leben retten zu wollen“ mit wechselnden Rollen immer neue Opfer hervor[3]. Freiwillig Opfer für eine gute Sache zu bringen, ist etwas anderes. Diese dramatische psychosoziale Eigendynamik hat in der Geschichte der Menschheit immer wieder Kriege ermöglicht.

Um in der Medizin die fatale Eigendynamik dieses Schattenmusters zu unterbinden, gibt es ethische Prinzipien ärztlichen Handelns, wie sie im Oktober 2017 vom Weltärztebund in Genf verabschiedet wurden: An erster Stelle steht das Wohlbefinden der Menschen, an zweiter Stelle die Autonomie und die Würde des Menschen und an dritter Stelle wörtlich: „Ich werde den höchsten Respekt vor menschlichem Leben wahren“. Ein solcher Respekt beinhaltet noch weit mehr oder auch etwas gänzlich anderes, als nur mit allen Mitteln Menschen am physischen Leben zu erhalten. Diese Deklaration endet mit dem Gelöbnis: „Ich werde, selbst unter Bedrohung, mein medizinisches Wissen nicht zur Verletzung von Menschenrechten und bürgerlichen Freiheiten anwenden.“

Für die Umsetzung dieser ethischen Prinzipien braucht es Vertrauen und Mut.

Konstruktives Kooperieren im Vertrauen

In unserer neuropsychischen Organisation ist unser motivationales Kohärenzsystem[4] unter anderem dazu da, die Aktivität des Abwendungssystems zu bremsen, um wieder in eine konstruktive und vertrauensvolle Kooperation zu kommen. Mit der Reflexion, einschließlich unserer eigenen Gefühle, Motivation und Interaktionen ermöglichen wir unserem Kohärenzsystem, seine heilsame Aufgabe zu übernehmen und die Situation mit mehr Gelassenheit und umfassender Weitsicht zu betrachten. Wir – jeder für sich und viele gemeinsam –können dann Fragen nachgehen wie: Was braucht die Menschheit zum guten Leben (uns selbst eingeschlossen)? Kurzfristig – mittelfristig – langfristig? Und was wollen und können wir in unserem Umfeld und in Deutschland dazu beitragen?

Eine kreative Kooperation zur Annäherung an diese Ziele braucht Vertrauen und Mut. Ihre Quelle ist unser Urvertrauen – das, was dem Leben immanent ist, das Vertrauen mit dem ein Neugeborenes den ersten Atemzug nimmt. Mit diesem Urvertrauen[5] können wir immer wieder Kooperationen beginnen und reflektiert mitgestalten, auch wenn es Probleme, Vorwürfe, Egoismus und Kritik gibt. Wir können das Macht-Opfer-Dreieck als Schattenmuster einer letztlich gut gemeinten aber im Abwendungsmodus ausgeführten Kooperation erkennen und uns bewusst entscheiden, ob wir eine der Rollen in diesem Muster spielen wollen. Oder ob wir einen anderen Weg hin zu einer Kooperation mit einer geklärt positiven Intentionalität gehen wollen.

Dann kommunizieren wir mit unseren Mitmenschen über unsere Bedürfnisse, Anliegen, Hoffnungen, positiven Visionen. Über das, was uns positiv bedeutsam ist, wozu wir Lust verspüren, mit anderen gemeinsam zu tun – was uns und andere glücklich macht. Dann können wir uns mit den Menschen verbinden, die auch ein gutes Leben für alle Menschen anstreben, und schauen, wie jeder seinen Beitrag dazu gibt[6]. Wir kooperieren für ein gutes Leben und kultivieren derartige Kooperationen – d.h. wir pflegen diese, bauen diese aus und entwickeln sie weiter.


[1] RKI: Epidemiologisches Bulletin 17 | 2020 Online vorab: 15. April 2020

[2] https://www.gesunde-entwicklung.de/tl_files/user_upload/docs/Petzold-Macht-Opfer-Dreieck.pdf

[3] Dieses Kommunikationsmuster wurde in seinem Kern schon 1968 von Karpman als Dramadreieck beschrieben.

[4]  https://www.gesunde-entwicklung.de/tl_files/user_upload/docs/Petzold-Kohaerenzsystem.pdf 

[5] Petzold TD (Hrsg.)(2012): Vertrauensbuch – zur Salutogenese. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung

[6] Siehe auch www.globale-ethik-blog.net

Ein Kommentar zu “Kooperieren – nicht nur in der C-Krise

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