Musterunterbrechungen sinnvoll nutzen

Theodor Dierk Petzold & Mona Siegel

Der Frühling ist vorüber – das Thema Corona noch nicht. Jetztzeit ist Sommerzeit – Zeit für eine Besinnung und Reflexion der Erfahrungen und einen Ausblick.

Weltweit und fast gleichzeitig wurden die meisten Menschen im Corona-Frühling aus ihrem gewohnten Alltagstrott herausgerissen. Der war bis dahin weitestgehend von ökonomischen Bedingungen inklusive Beschleunigungsprozessen bestimmt. Die Musterunterbrechungen im Corona-Frühling brachten für viele mehr und anderes als nur Entschleunigung – für manche das Gegenteil. Die negativen Folgen der Corona-Krise und die damit verknüpften Leiden, Ängste und Sorgen haben in den letzten Monaten sehr viel Raum eingenommen. Jetzt und hier wollen wir uns mehr mit den positiven Aspekten und Chancen befassen.

Wozu kann uns die verordnete Musterunterbrechung dienlich sein?

Hier lohnt es sich genauer hinzuschauen, denn in der Unterbrechung alltäglicher Verhaltensmuster liegt die Chance für zukunftsfähige Neuanfänge. Für kreatives Mitgestalten eines guten Lebens – für uns und unsere Mitmenschen weltweit.

Geschenkte Corona-Frühlingszeit, endlich mal Zeit haben, die nicht verplant ist: Zeitwohlstand. Frische Luft, klares Sonnenlicht und kräftig leuchtende Farben in der Natur als Folge des Lockdowns. Innehalten und Annehmen der gegebenen Unterbrechung –  Gelassenheit entfalten und stimmige Verbundenheit in der Vielfalt globaler Beziehungen suchen.

Viele haben aufgeräumt. Viele sind kreativ geworden. Sehr vielen ist mehr und mehr bewusst geworden: Alle Menschen auf  unserem Heimatplaneten Erde sind vom selben Virus betroffen. Die globale Verbundenheit wurde immer deutlicher auch fühlbar. Zunächst im resonanten Leiden unter der Virus-Infektion und unter den wirtschaftlichen Folgen. Zunehmend nun auch in einer zukunftsweisenden attraktiven Zielorientierung: der Wohltat für die Atmosphäre und Biosphäre; der Besinnung auf leitende Werte des Mensch-Seins: eines bewussteren achtsamen Umgangs im sozialen Miteinander – im Leben wie beim Sterben, der gegenseitigen Hilfe unter respektvoller Wahrung autonomer Entfaltung und noch manch anderes mehr.

Alle diese Wünsche und Tendenzen gab es auch schon vor dem Corona-Frühling – noch weitestgehend im Winterschlaf verfangen. Mit Corona haben sie im Frühling gekeimt und die Erdkruste durchbrochen. Dies mit Hilfe der Angst vor Corona-Infektionen und der Angst der politisch Verantwortlichen vor vermeintlichen Fehlentscheidungen. Es folgten Musterunterbrechungen, die im Winter noch kaum denkbar waren. Wertigkeiten jenseits der Ökonomie fanden und finden im Öffentlichen wie im Privaten Raum zur Diskussion, z.B. die Wertschätzung systemrelevanter sozialer Berufe, ökologische Perspektiven, Leben und Sterben, gesundheitsverträglichere Arbeitsbedingungen, Freiheit und gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Mut machend ist in der Tiefe die Hoffnung gekeimt, dass im Zeitwohlstand ein Bewusstsein über gutes menschliches Leben, sozial, gesellschaftlich und global, gewachsen ist und weiter wächst. Ein Bewusstsein auch darüber, was es bedeutet, Menschen und Institutionen zu vertrauen und Glauben zu schenken oder zu entziehen. Wo möglich gedeihen gegenwärtig Visionen vom guten Leben, die der Ökonomie den rahmenden Maßstab geben, und die unser Kooperieren in unseren alltäglichen Partnerschaften sowie das der  Regierungen weltweit leiten.

Jetzt hat der Sommer begonnen. An der Oberfläche sichtbar sind viele – auch widerstreitende – Interessen: soziale, ökonomische, ideologische und (geo)politische. Noch wächst die Saat und es ist zu früh, von einer Ernte zu sprechen.

Wenn die zahlreich hoffnungsvollen, zarten menschlichen Pflänzchen sich weiter entfalten, könnten wir sagen, dass wir mit Corona und den politischen Maßnahmen etwas zukunftsweisend Nachhallendes gelernt haben. Auch wenn es bis zur Ernte möglicherweise mehr Zeit brauchen sollte als nur bis zu diesem Herbst: Die Samen sind am Keimen und werden Früchte tragen. Im Herbst und Winter wird die Aussaat  in fruchtbarem Boden Verbindung finden, bereit um im nächsten Frühjahr vermehrt aufzugehen. Diese Hoffnung trägt und leitet unser Denken und Tun in diesen Tagen – eine menschliche Weltverbundenheit ist möglich!
Hoffnung und Vertrauen sind ansteckender als das Corona-Virus.

Kooperieren – nicht nur in der C-Krise

Theodor Dierk Petzold

Auch wenn Krisen schon länger in verstärktem Maße im Gespräch sind: Finanzkrise, Umwelt-Klimakrise, Sinnkrise u.a., ist durch die Corona-Krise jetzt der Krisenmodus hautnah und weltweit spürbar. Das Positive an Krisen scheint immer wieder zu sein, dass Menschen dann näher zusammenrücken, stärker zusammenarbeiten und sich gegenseitig mehr helfen als sonst. In der Not wird unser neuropsychisches Abwendungssystem, das mit Angst verknüpft ist, angeschaltet, um kurzfristig alle Kräfte zum Abwenden der Gefahr zu mobilisieren, auch den für sozialen Zusammenhalt. Wenn wir aber im Abwendungsmodus bleiben und die Gefahr nicht wirklich spüren, verselbständigt sich die neuropsychische Abwendungsaktivität und sucht eine dazu passende Bedrohung. Diese wird dann leicht in anderen Menschen, Meinungen, Institutionen oder Regierungen gesehen. Das führt häufig zu Macht- und Rechthabe-Kämpfen untereinander, wie aktuell schon sichtbar wird.

Meine These ist nun, dass es zur Lösung sowohl der Corona-Krise als auch der anstehenden anderen großen Krisen eine bewusste Art und Weise der Kooperation braucht, die vor allem durch attraktive Ziele für die Zeit nach der Krise motiviert ist und nicht primär durch das Abwenden einer Gefahr. Dies möchte ich hier an Hand unseres Verhaltens und unserer Möglichkeiten in der Corona-Krise skizzieren.

Kooperieren mit einer gemeinsamen Intentionalität

Recht schnell nach den Bildern von Überforderung norditalienischer Krankenhäuser haben sich die meisten BürgerInnen anders als gewohnt verhalten: haben mehr Abstand gehalten, sind weniger gereist u.a.m. Dieses Verhalten hat sich gleich in einer Umkehr  der Ansteckungsrate R gezeigt[1]. Und das noch bevor die ersten Verbote eine Wirkung zeigen konnten. Die BürgerInnen haben als großes nationales Kollektiv kooperiert – manche aus Angst, andere aus Einsicht.

Etwa zwei bis vier Wochen nach der ersten Maßnahme begann die anfängliche große Zustimmung zu den verordneten Maßnahmen langsam zu bröckeln. Die Kooperationsbereitschaft vieler Bürger mit der Regierung ließ langsam nach, und es bildeten sich zunehmend unterschiedliche Gruppierungen mit unterschiedlichen Intentionen. Den meisten, die ich mitbekomme, geht es um Rechthaben und Angst vor Verlusten – sie sind weiterhin im angstgeriebenen Abwendungsmodus.

Daneben gibt es viele Ansätze, die versuchen, positive attraktive Ziele zu formulieren, die über Corona hinausgehen, wie Visionen von sozialen Beziehungen, von Lebensgemeinschaften, neuer Architektur, mehr digitaler Homework u.a.m. Wie können wir in eine umfassendere Kooperation zum guten Leben kommen und Synergien fördern und nutzen? Uns zum Positiven vernetzen?
Einen hierfür hilfreichen Schritt sehe ich in der Reflexion eines menschlichen Interaktionsmusters, das häufig mit Retten-wollen beginnt, mit Rechthaben-wollen weitergeht und letztlich mit unmenschlichen Handlungen neue Opfer produziert.

Das Macht-Opfer-Dreieck[2]

Wenn Angst die führende Motivation ist und die verantwortlichen Persönlichkeiten aus dem Abwendungsmodus heraus denken und agieren und nur auf die eine Gefahr eingeengt schauen, produzieren sie im „Krieg gegen Viren“ Kollateralschäden: neue Opfer. Wie groß diese beim Kampf gegen Corona sind, wird langsam sichtbar: hier bei uns die sozialen und psychischen Schäden bei Kindern und Alten und die wirtschaftlichen Existenzverluste sowie eine verstärkte Hungersnot besonders in Entwicklungsländern wie in Afrika. Für diese neuen Opfer des Kampfes gegen die Coronaviren ernten die verantwortlichen Führungspersonen Vorwürfe. So fühlen diese sich als Opfer und wollen sich rechtfertigen: Sie wollten ja nur helfen.

Dieses Macht-Opfer-Dreieck bringt als Schattenmuster der guten Absicht „Leben retten zu wollen“ mit wechselnden Rollen immer neue Opfer hervor[3]. Freiwillig Opfer für eine gute Sache zu bringen, ist etwas anderes. Diese dramatische psychosoziale Eigendynamik hat in der Geschichte der Menschheit immer wieder Kriege ermöglicht.

Um in der Medizin die fatale Eigendynamik dieses Schattenmusters zu unterbinden, gibt es ethische Prinzipien ärztlichen Handelns, wie sie im Oktober 2017 vom Weltärztebund in Genf verabschiedet wurden: An erster Stelle steht das Wohlbefinden der Menschen, an zweiter Stelle die Autonomie und die Würde des Menschen und an dritter Stelle wörtlich: „Ich werde den höchsten Respekt vor menschlichem Leben wahren“. Ein solcher Respekt beinhaltet noch weit mehr oder auch etwas gänzlich anderes, als nur mit allen Mitteln Menschen am physischen Leben zu erhalten. Diese Deklaration endet mit dem Gelöbnis: „Ich werde, selbst unter Bedrohung, mein medizinisches Wissen nicht zur Verletzung von Menschenrechten und bürgerlichen Freiheiten anwenden.“

Für die Umsetzung dieser ethischen Prinzipien braucht es Vertrauen und Mut.

Konstruktives Kooperieren im Vertrauen

In unserer neuropsychischen Organisation ist unser motivationales Kohärenzsystem[4] unter anderem dazu da, die Aktivität des Abwendungssystems zu bremsen, um wieder in eine konstruktive und vertrauensvolle Kooperation zu kommen. Mit der Reflexion, einschließlich unserer eigenen Gefühle, Motivation und Interaktionen ermöglichen wir unserem Kohärenzsystem, seine heilsame Aufgabe zu übernehmen und die Situation mit mehr Gelassenheit und umfassender Weitsicht zu betrachten. Wir – jeder für sich und viele gemeinsam –können dann Fragen nachgehen wie: Was braucht die Menschheit zum guten Leben (uns selbst eingeschlossen)? Kurzfristig – mittelfristig – langfristig? Und was wollen und können wir in unserem Umfeld und in Deutschland dazu beitragen?

Eine kreative Kooperation zur Annäherung an diese Ziele braucht Vertrauen und Mut. Ihre Quelle ist unser Urvertrauen – das, was dem Leben immanent ist, das Vertrauen mit dem ein Neugeborenes den ersten Atemzug nimmt. Mit diesem Urvertrauen[5] können wir immer wieder Kooperationen beginnen und reflektiert mitgestalten, auch wenn es Probleme, Vorwürfe, Egoismus und Kritik gibt. Wir können das Macht-Opfer-Dreieck als Schattenmuster einer letztlich gut gemeinten aber im Abwendungsmodus ausgeführten Kooperation erkennen und uns bewusst entscheiden, ob wir eine der Rollen in diesem Muster spielen wollen. Oder ob wir einen anderen Weg hin zu einer Kooperation mit einer geklärt positiven Intentionalität gehen wollen.

Dann kommunizieren wir mit unseren Mitmenschen über unsere Bedürfnisse, Anliegen, Hoffnungen, positiven Visionen. Über das, was uns positiv bedeutsam ist, wozu wir Lust verspüren, mit anderen gemeinsam zu tun – was uns und andere glücklich macht. Dann können wir uns mit den Menschen verbinden, die auch ein gutes Leben für alle Menschen anstreben, und schauen, wie jeder seinen Beitrag dazu gibt[6]. Wir kooperieren für ein gutes Leben und kultivieren derartige Kooperationen – d.h. wir pflegen diese, bauen diese aus und entwickeln sie weiter.


[1] RKI: Epidemiologisches Bulletin 17 | 2020 Online vorab: 15. April 2020

[2] https://www.gesunde-entwicklung.de/tl_files/user_upload/docs/Petzold-Macht-Opfer-Dreieck.pdf

[3] Dieses Kommunikationsmuster wurde in seinem Kern schon 1968 von Karpman als Dramadreieck beschrieben.

[4]  https://www.gesunde-entwicklung.de/tl_files/user_upload/docs/Petzold-Kohaerenzsystem.pdf 

[5] Petzold TD (Hrsg.)(2012): Vertrauensbuch – zur Salutogenese. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung

[6] Siehe auch www.globale-ethik-blog.net

Wir sind Gefangene unseres Wirtschaftssystems!

Dr. Dieter Korczak

Seit das Corona-Virus in unser aller Leben getreten ist, hat die Sorge um unsere Gesundheit die höchste Priorität. Als ob das Corona-Virus uns als apokalytischer Reiter eine Pest biblischen Ausmaßes bescheren würde. Millionen würden vorzeitig sterben, menetekelten Virologen. Deshalb holte die deutsche Regierung den „Hammer“ heraus und veranlasste den weitestgehenden Stillstand unseres sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens. Dieser Stillstand dauert jetzt schon vier Wochen. Seit Mittwoch (22. April) dürfen die Geschäfte wieder öffnen. Aber Veranstaltungen sind weiter abgesagt, Mecklenburg-Vorpommern schottet seine Grenzen weiter gegen die „deutschen Brüder und Schwestern“ ab, Künstler und Gastronomen dürfen weiter darben und Hartz4 beantragen. Der Hotel- und Gaststättenverband prognostiziert, dass jedes dritte Restaurant oder Hotel Pleite gehen wird. Die Solo-Selbständigen und Freiberufler in der Musikbranche, Filmwirtschaft sowie die darstellenden KünstlerInnen haben Einnahmeeinbußen von bis zu 100%, die Fischbuden an der Ostsee ebenfalls.

Geht es bei diesen Maßnahmen, die auf dem schwankenden Boden von Halb-Wissen getroffen werden, wirklich um unsere Gesundheit? Oder werden wir in kollektive Geiselhaft genommen, weil die staatliche Vorsorge im Gesundheitsschutz und in der Katastrophenbekämpfung kläglich versagt hat, da sie sich nur an Profitzahlen orientiert hat? Ein Gutachten, das die Bundesregierung 2013 dem Deutschen Bundestag vorgelegt, verstärkt diesen Eindruck. https://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/120/1712051.pdf

In diesem Gutachten wird prognostiziert, dass eine Epidemie mit Corona-Viren in Deutschland zu mindestens 7,5 Mio. Toten in drei Jahren führen wird. „Das Gesundheitssystem wird vor immense Herausforderungen gestellt, die nicht bewältigt werden können“, heißt es dort ebenfalls und vieles andere mehr.

Keiner der seit 2013 verantwortlichen Politiker sollte sagen, er hat es nicht gewusst und sei überrascht worden. Das gilt natürlich insbesondere für unsere Bundeskanzlerin Frau Merkel.

Warum wurde diese bundesbehördliche Risikoanalyse nicht ernst genommen? Weil eine entsprechende Risikovorsorge nicht in das neoliberale Konzept der Profitmaximierung passt. Deshalb musste jetzt der „Hammer“ herausgeholt werden, damit die Ausbreitung des Virus etwas verlangsamt werden konnte. Zwar wurde schon in der Risikoanalyse darauf hingewiesen, dass die über 65-jährigen die sein werden, die in erster Linie an dem Virus sterben werden. So ist es auch. 85% der Verstorbenen mit oder an Covid-19 sind älter als 70 Jahre. Nicht nur in Deutschland, sondern beispielsweise auch in Dänemark. Es geht also darum, diese Altersgruppe zu schützen. Deshalb muss man aber nicht das ganze gesellschaftliche Leben lahmlegen.

Wie heißt es noch in der Definition der WHO: Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen. Leben retten ist mehr als der Anschluss an Beatmungsgeräte. In einem weiteren Sinne gehört dazu auch ein würdiges Sterben im Kreise seiner Liebsten und Freunde und nicht umgeben zu sein von lebensverlängernden Geräten. Wo werden die traumatisierenden Wirkungen für die Angehörigen der Kontaktsperre in den letzten Lebensstunden bedacht? Es geht also gleichberechtigt auch um unser geistiges und soziales Wohlbefinden, wenn wir die Gesundheit schützen wollen. Das Einschränken unserer Grundrechte, das Einschränken von Reise- und Versammlungsfreiheit, die Reduzierung oder Verunmöglichung der bezahlten Berufsausübung, ist deshalb eine massive Attacke auf unsere Gesundheit. Deshalb plädiere ich für eine sofortige Rücknahme aller Einschränkungen und erwarte Gesetze, die das Vorsorgeprinzip umsetzen. Händewaschen und Abstand halten haben wir jetzt sicherlich alle ausreichend gelernt.

mitgestalten

Mona Siegel

Die ersten Lockerungen der Corona-Beschränkungen sind im Gange. Die ersten Schritte zurück in ein normales Leben – versuchsweise. Ich indes befinde mich noch in einem Prozess, der durch den Exit aus dem gewohnt freiheitlichen Leben angestoßen wurde. Zunächst widerstrebend, dann willkommen heißend, habe ich die Durchkreuzungen hin- und dann angenommen. Eingelebte, Sicherheit bietende Alltagsroutinen sind weggebrochen – geplante Freundinnenzeiten ebenso. Routinierte Alltagstrance: Nichts in Frage stellen – einfach machen: Adé. Mit einem Mal erzwingt der Shutdown das Innehalten. Und das Innehalten öffnet einen Raum des Zweifelns, des Hinterfragens so manch bewährter Gewohnheit. Krise durchbricht Routine. Sichtbar werden hie und da einengende wie auch sinnentleerte Praktiken. So gesellt sich zu der Unsicherheit im Außen die Verunsicherung im Inneren. Zögerliche Bewegungen auf unsicherem Terrain – spüren eigener Verletzungen und Verletzlichkeit. Daneben und damit im Wechsel empfange ich überraschend so manchen kreativen Impuls. Kann es sein, dass Kreativität und Verletzlichkeit geschwisterlich verbunden sind? In meiner Innerlichkeit, nah beieinander, ihre Wohnstatt haben oder gar eine Wohnstatt teilen? Wage ich es, mich diesem aufwühlenden Spüren auszusetzen? So manch lieb Gewonnenes steht in Frage. Wage ich es, eingefurchte Wege zu verlassen und Neuem, Unbekanntem Raum zu geben? Wage ich, mich aus meiner Komfortzone hinaus, hinein in eine mir noch unbekannte Lern- und Wachstumszone? Wage ich es, mich diesem Abenteuer anzuvertrauen? Habe ich den Mut, mich meinem Lebensstrom zu überlassen, darauf vertrauend, dass meine erworbenen Schwimmkünste hinreichen (A. Antonovsky). Und kann ich vielleicht sogar darauf hoffen, dass mir im Notfall Hilfe zuteilwird, die mich durch Skylla und Charybdis hindurch trägt?

Im Lichte der globalen Krise, die die Ärmsten am Schlimmsten trifft, könnte ich meine Befindlichkeiten durchaus als egozentrisch betrachten. Wem würde es nützen? Hilfreicher scheint mir diejenige Perspektive, in der ich meine biografische Bricolage (Basteleien mit gegebenen Ressourcen: C. Lévi-Strauss) als Beitrag zu einer bewusstseinskulturellen Bricolage an der Sozialen Plastik (J. Beuys) zu verstehen. Mich als An- und Aufgerufene zu begreifen, das Werdenwollende mitgeschöpflich mitzugestalten. Sind doch Ich und Welt zwei Seiten ein und derselben Medaille – wechselseitig untrennbar miteinander verwoben. Und beginnt doch jede Friedensarbeit im je eigenen Weltinnenraum (R.M. Rilke).

Um am Ende auf den Anfang zurückzukommen: Ich beschließe, meinem Prozess seine eigene Zeit zu lassen und dann zur rechten Zeit, selbst bestimmend den für mich stimmigen Ausgang zu nehmen.

Wahrnehmen

Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte… (E. Mörike)

Theodor D. Petzold / Mona Siegel

Die Corona-Pandemie hat unser Denken und Fühlen in Beschlag genommen. So erleben wir zurzeit eine kollektive Angina mentalis (lat. = Enge des Geistes). Wir sind mit unserer Aufmerksamkeit auf die Gefahr fokussiert um diese abzuwenden. So physiologisch sinnvoll das kurzfristig sein mag, so problematisch wird diese stresserzeugende Einengung (neuropsychologisch: Abwendungsmodus), wenn wir in ihr verharren. Wollen wir aus der Krise mit Gesundung herauskommen, ist es hilfreich, dass wir das Lebendige wieder wahrnehmen und uns als mitgestaltenden Teil davon (neuropsychologisch: Kohärenzmodus).
Wie jede Krise, so eröffnet auch die Corona-Krise einen neuen Möglichkeitsraum, ein neues Zeitfenster. Will ich den Kairos, die günstige Gelegenheit annehmen? Wie komme ich in eine vertiefte Wahrnehmung dessen, was werden will? Hilfreich ist für mich die Frage: Was ist bedeutsam für mich? Was tut mir gut – was tut mir nicht gut? Ich bemühe mich um Corona-Fasten, und wenn mir dies gelingt, stellt sich womöglich eine Leere und Ruhe ein, die eine Pforte zum Raum der Möglichkeiten sein kann. In der Weite einer kohärenten Wahrnehmung kann ich sowohl mein Anliegen als auch die anderer Menschen und Völker und der Biosphäre in Betracht ziehen. Ein keineswegs einfaches Unterfangen, wird mir dabei doch so manche Widersprüchlichkeit und Paradoxie bewusst. Nichts desto trotz vertraue ich dem was da werden will und was mein Beitrag in diesem Werdensprozess sein kann – ich vertraue auf kreative Impulse, die mein Handeln leiten werden.
Dieser Tage staune ich über die Natur, die unbeeindruckt vom Corona-Virus ihren Lauf nimmt – überall sprießen und gedeihen die Frühlingsboten. Sind das auch Vorboten für die Entwicklung aus der Krise?
Zukunft entsteht aus Krise – gestalten wir sie mit!
Wo gibt es in Deinem Leben gerade Lichtes und Weite? Mach mit und teile mit uns lichte Momente!